Zeltlager in Zeiten von Corona - Warum gerade jetzt!

Heute beginnt unser SJ-Zeltlager im Bezirk Hessen Süd und kommende Woche startet unser F-Zeltlager!

woke

Wie so viele andere Jugendverbände und Jugendorganisationen standen und stehen unsere Gliederungen vor den Fragen, ob und wie sie in diesem Sommer Zeltlager und Ferienmaßnahmen stattfinden lassen können. Sowohl innerhalb als auch zwischen den Verbänden gibt es unterschiedliche Positionen bezüglich der Durchführung von Angeboten in den Sommerferien. Es zeigt sich, dass in der Situation der Corona-Pandemie vor dem Hintergrund sich stetig wandelnder Informationen und dem Bewusstsein der eigenen Verantwortung als Jugendverbände eine Debatte besteht, die von der Forderung einfach schnell alles zu öffnen weit entfernt liegt. Stattdessen wird ein Verantwortungsbewusstsein für die eigene Arbeit deutlich, das zu Beginn der Pandemie dazu geführt hat, dass alle Angebote schnell eingestellt und stattdessen (digitale) Alternativen entworfen wurden. Gleichzeitig wurde der zentrale Auftrag der Jugendarbeit, das Kindeswohl und die damit verbundene freie Entwicklung als Teil des Persönlichkeitsprozesses zu gewährleisten sowie einen Rahmen für den dazugehörigen Austausch in der Peergroup und die gemeinsame Freizeitgestaltung zu bieten, vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen und Debatten reflektiert. Damit einher geht der klassische Aushandlungsprozess zwischen den Polen Sicherheit und Entfaltung, der grundsätzlich alle Angebote der Jugendarbeit begleitet und der sich beispielsweise ebenfalls in Schwimmregeln im Freizeitbad, Datensicherheit oder Jugendschutz ausdrückt. Gleichwohl dieses Verhältnis die omnipräsente Grundlage der Jugendarbeit ist,  werden, wie in jeder neuen Situation, auch mit der Corona-Pandemie neue Fragen aufgeworfen, die je nach Stand und Perspektive unterschiedlich bewertet werden.

Als Jugendverband und damit aktiver Teil der Zivilgesellschaft wünschen wir uns dabei von öffentlicher Seite zum einen Vertrauen und zum anderen Unterstützung. Vertrauen, insofern, dass wir als autonome Träger in unserer Kompetenz ernst genommen werden. Wir erfüllen einen im SGB VIII gesetzlich fixierten Auftrag und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Persönlichkeitsentwicklungsprozess junger Menschen. Eltern vertrauen uns ihre Kinder an und wir befinden uns in einem stetigen Prozess der Abwägung zwischen Sicherheit und Entfaltung, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Darin blicken wir auf eine sehr lange Tradition zurück, die es uns auch in dieser dynamischen Situation ermöglicht, vor dem Hintergrund von Unsicherheiten und Unwegsamkeiten einen Rahmen für unsere Arbeit zu gewährleisten, wenn dies von Seiten der Politik erwünscht und ermöglicht wird.

Unterstützung brauchen wir darin, dass die Rahmenbedingungen klar und schlüssig abgesteckt werden. Die aktuellen Regelungen bieten das nur sehr bedingt, da die Maßgaben auf Landesebene sowohl widersprüchlich sind als auch einem schlüssigen Präventionscharakter gegenüber der Pandemie teilweise widersprechen. Ein Beispiel dafür ist, dass nicht  ersichtlich ist, warum, wie es die aktuelle Verordnung des Landes vorsieht, Corona sich im nicht-öffentlichen Raum anders verbreiten sollte als im öffentlichen. Gleichzeitig ist überaus fraglich, warum im Kontrast zu anderen Bundesländern der Faktor einer gemeinsamen temporären Isolation im Zeltlager keine Beachtung findet. In einer festen Gruppe, die 2-3 Wochen gemeinsam in einem Zeltlager ist, sind Einzelpersonen, unserer Ansicht nach potenziell weniger Außeneinflüssen und potenziellen Ansteckungsmöglichkeiten ausgesetzt als dies in regulären Alltagssituationen außerhalb der individuellen Isolation der Fall ist. Zumindest wäre es gut, wenn dargestellt würde, warum hierzu, falls das der Fall ist, eine andere Einschätzung besteht. Weiterhin ist für uns immer noch fraglich, ob es von Seiten der Landesregierung gewünscht ist, dass Zeltlager, Ferienspiele oder andere Präsenzangebote durchgeführt werden.

Und dennoch machen wir Ferienspiele und Zeltlager.

Hier einige Gründe, warum wir uns trotz aller Herausforderungen dazu entschieden haben:

  • Junge Menschen brauchen vor dem Hintergrund der langen Isolation einen Kontrast zu ihrem Alltag, der es ihnen ermöglicht ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Unsere Zeltlager schaffen diesen Raum indem sie nicht nur geografisch an einem anderen Ort liegen, sondern ebenfalls pädagogisch darauf ausgerichtet sind, dass Helfer*innen und Kindern einen gemeinsamen Alltag gestalten.
  • Die Krise trifft prekäre Lebenssituationen am härtesten. Im Kontrast zu einkommensabhängigen Familienurlauben bieten unsere Zeltlager aufgrund der Solidarstruktur auch Kindern, deren Eltern sich keine Urlaube leisten können, eine Perspektive auf ein Freizeiterlebnis. Tendenziell können grade die Kinder aus diesen Familien, die durch die finanziellen Auswirkungen und den damit verbundenen persönlichen Belastungen besonders getroffen wurden, von unserem Angebot profitieren.
  • Unser Bildungsanspruch ist es, sich die Umwelt gemeinsam mit den Kindern zu erschließen. Das bedeutet, wir gehen davon aus, dass es so viele Dinge gibt, die unseren Alltag prägen, dass wir diese nicht alle im Blick haben und auch nicht alle verstehen können. In unseren Bildungsangeboten erschließen wir uns gemeinsam die unterschiedlichen Faktoren, die unseren Alltag bestimmen. Vor dem Hintergrund der Isolation und der Beschränkungen gewinnt dies an Bedeutung, da die (jungen) Menschen in ihrer Sicherheit erschüttert wurden und neue Situationen erlebt haben. Hier besteht ein Rahmen diese Erfahrungen gemeinsam zu ordnen und über den gemeinsamen Bildungsprozess Handlungssicherheit zurückzugewinnen. Das Zeltlager bietet hier einen besonderen Rahmen, da es über die Alltäglichkeit und die Dauer eine besondere Intensität dieses Prozesses ermöglicht.
  • Beteiligung muss nicht nur gelernt, sondern auch praktiziert werden. Kinder waren und sind ebenso wie Erwachsene durch die Beschränkungen in ihrer Freiheit mit guten Gründen beschränkt worden. Dabei wurden sie sachgemäß nicht an der Gestaltung dieser Beschränkungen beteiligt, gleichwohl sie sich massiv auf ihren Alltag ausgewirkt haben. Damit entsteht ein tiefgreifender Eingriff in den demokratischen Bildungsprozess, der aufgefangen werden muss. Unsere Zeltlager basieren auf einer jahrzehntelangen Tradition der Demokratiepädagogik. Ausgehend von den Gruppen als zentraler Ebene zieht sich dieser Anspruch durch das Demokratiemodell des Zeltlagers, in dem alle mitbestimmen können, und die pädagogische Haltung der Helfer*innen. Somit kann auch hier vor dem Hintergrund einer Entmächtigungserfahrung durch praxisorientierte Partizipation für die Kinder ein Raum geschaffen werden, der es ihnen ermöglicht die Perspektive auf die eigene Wirksamkeit in sozialen Zusammenhängen zurückzugewinnen.